Der steirische Behindertensport begann mit einigen Kriegsversehrten, die nicht von ihrem geliebten Sport lassen konnten. Es gab viele Hürden zu nehmen, denn viele Mitbürger und Behördenvertreter zeigten wenig Verständnis für die Versehrten, die „sogar“ trotz ihrer Behinderung Sport betreiben wollten. Aber die Versehrten selber waren es, die durch ihren Sport und ihre Begeisterung mit der These „Sport macht wieder an Leib und Seele gesund“ überzeugten. Für Menschen mit einer Behinderung bedeutet Sport aber nicht nur Spaß an der Bewegung, Spiel und Wettkampf, sondern einen wichtigen Schritt zur gesellschaftlichen Integration.
 
1946 formierten sich in Graz, Weiz und Leoben die ersten Amputierten-Turngruppen und begannen Turnstunden und Schitouren zu organisieren.
 
In der Öffentlichkeit trat der Versehrtensport zuerst durch Schiläufer in Erscheinung, die zur Verwunderung der Nichtbehinderten die Pisten mit ihren teils selbst konstruierten Geräten bevölkerten und damit ihren ungebrochenen Lebensmut unter Beweis stellten. 1948 war für den steirischen Versehrtensport ein wichtiges Jahr: der „Steirische Schiverband“ richtete das Schireferat für Versehrte mit dem ersten Referenten Dipl.-Ing. Günther Hrubi ein.
 
In den folgenden Jahren formierten sich Schigruppen in der Steiermark und eine Blindensportgruppe wurde in Graz gegründet. Der erste Versehrtenschikurs auf der Tauplitz und die erste Versehrtensportwoche in Schileiten fanden 1949 statt. In den Amputierten-Turngruppen entstand ein neuer Sport: Sitzfußball. Diese Sportart gewann rasch an Beliebtheit und es wurden bereits erste Spiele gegen Wiener Mannschaften ausgetragen.
 
Bereits im Jahre 1953 begannen Querschnittgelähmte im neu errichteten Rehabilitationszentrum der AUVA in Tobelbad mit dem Therapiesport. Daraus entwickelte sich ab 1954 der Versehrtensport der Rollstuhlfahrer in Österreich.
 
Nachdem die Anzahl der Versehrtensportler rasch zunahm, wurde 1954 unter der Federführung von Siegfried Künstner der „Steirische Versehrtensportverein“ in Graz gegründet. Es wurde mit der Ausarbeitung bzw. Adaptierung von behinderungsspezifischen Regeln für die Sportausübung und Abhaltung von Wettkämpfen in Leichtathletik, Schwimmen und Sitzfußball begonnen. Die Sportkontakte nach Deutschland und Jugoslawien führten zu einem verstärkten Erfahrungsaustausch und der Schaffung weiterer Sportdisziplinen.
 
In Tobelbad wurde 1957 von Präsident Albert Wöhrer der „Verband der Querschnittgelähmten Österreichs“ gegründet, um unter anderem auch Akzente für den Rollstuhlsport zu setzen. Steirische Rollstuhlsportler treten bereits seit 1956 für den „Steirischen Versehrtensportverein“ bei den verschiedensten nationalen und internationalen Wettkämpfen an.
 
Der „Steirische Versehrtensportverein“ war – zusammen mit kärntner, wiener, nieder- und oberösterreichischen Vereinigungen - im Jahre 1958 Gründungsmitglied des „Österreichischen Versehrtensportverbandes“ (seit 1989 „Österreichischer Behindertensportverband“). Dieser Schritt war für den österreichischen Versehrtensport sehr wichtig, da nun erst eine einheitliche Vertretung vor den Behörden geschaffen war und die einheitliche Entwicklung unseres Sportes weiter vorangetrieben werden konnte.
 
Nachdem die Zahl der steirischen Versehrtensportler ständig anwuchs, wurde 1962 der „Steirische Versehrtensportverein“ in den „Grazer Versehrtensportklub“ umgestaltet. Gleichzeitig wurden in Leoben, Weiz und im Enns-Paltental Versehrtensportvereine gegründet. Diese vier Vereine gründeten dann als Fachverband den „Steirischen Versehrtensportverband“. Als Präsident fungierte der Grazer Stadtrat und Präsident des Steirischen Kriegsopferverbandes Franz Jawornik. Zum geschäftsführenden Präsidenten wurde Siegfried Künstner gewählt. Bereits 1963 wurde der neu gegründete „Mürztaler Versehrtensportclub“ als fünfter Verein in den Verband aufgenommen.
 
1963 wurde die Rollstuhlsportlerin Manette Berger-Waldenegg (5 Goldmedaillen im Tischtennis und Schwimmen bei den ersten Paralympics in Rom 1960) zur „Besten steirischen Sportlerin“ gewählt und erhielt die höchste Sportauszeichnung des Landes Steiermark – den bronzenen Diskuswerfer.
 
In den 70er Jahren begann ein Öffnungsprozess innerhalb des steirischen Versehrtensports vom Kriegsversehrtensport hin zum Sport für alle Sportler mit Behinderung. Schrittweise wurden weitere Behindertengruppen aufgenommen: 1977 behinderte Schüler, 1980 Allgemeinversehrte, 1982 Cerebralparetiker, 1990 Geistig- und Mehrfachbehinderte und 1996 Gehörlosensportler.
 
Sportlich wurde der Versehrtensport mit dem Beginn einer eigenen Betreuer- und Trainerausbildung 1972 und der Teilung des Trainings in Richtung Leistungs- und Breitensport weiterentwickelt. 1977 wurde in Kapfenberg die erste Österreichische Leichtathletikmeisterschaft für alle Behindertengruppen (Amputierte, Blinde und Rollstuhlsportler) durchgeführt. Im Blinden- und Sehbehindertensport wurde durch den Beginn des Schilaufes (mit Begleitsportler) ein weiterer wichtiger Schritt zur Verbreiterung des Sportangebotes eingeleitet.
 
1985 wird der „Steirische Versehrtensportverband“ als Fachverband in die Landessportorganisation als ordentliches Mitglied aufgenommen.
 
Mitte der 80er Jahre wurde auch der Tatsache Rechnung getragen, dass der Seniorensport nicht nur Gesundheitssport, sondern auch Wettkampfsport bedeuten kann. So wurden erstmals in der Steiermark sowohl die Österreichischen Leichtathletik-Seniorenspiele (1985 in Leoben) als auch die Österreichischen Senioren-Winterspiele (1987 in St. Lambrecht) ausgetragen. Die ersten 
 Österreichischen Senioren-Meisterschaften im Schilauf (alpin und nordisch) wurden ebenfalls auf steirischen Boden ausgetragen (1991 in St. Lambrecht).
 
In Graz begannen 1986 die Anfänge des österreichischen Rollstuhltennis, als Mag. Michael Wöhrer seine Diplomarbeit zum Thema „Tennis im Rollstuhl“ schrieb. Die Arbeiten an der Weiterentwicklung dieser neuen Sportart fanden fruchtbaren Boden und so wurden bereits 1989 die ersten Österreichischen Meisterschaften in Mürzzuschlag veranstaltet. Diese positive Entwicklung spiegelt sich im steirischen Rollstuhltennis in steigenden Mitgliederzahlen und zwei Weltranglistenplatzierungen unter den Top-60 wieder.
 
Dem „Steirischen Versehrtensportverband“ schlossen sich ab 1980 vier weitere Vereine an: die beiden Neugründungen des „Behindertensportvereines Aichfeld-Murboden“ (1980) und des „1. Steirischen Rollstuhltennisclubs“ (1991) sowie der „Steirische Gehörlosensport- und Kulturverein 1932“ und der „Gehörlosen Sportverein Kultur- und Jugendzentrum Graz“ (jeweils 1996).
 
1995 wurde der Amputierten-Radsportler Norbert Zettler (Paralympics-Sieger in Barcelona 1992 im Straßenbewerb, Straßen-Weltmeister 1994, Straßen- und Bahn-Europameister 1995) zum „Österreichischen Behindertensportler des Jahres“ gewählt.
 
Am 18. Mai 2000 übergab OSR Siegfried Künstner seine Funktion als Präsident des „Steirischen Versehrtensportverbandes“ an Herbert Rohrer. Die Delegiertenversammlung ernannte den „Gründervater“ des organisierten steirischen Versehrtensports in Anerkennung seines unermüdlichen und erfolgreichen 46jährigen ehrenamtlichen Wirkens zum Ehrenpräsidenten auf Lebenszeit.
 
Die Steiermark könnte durch Dipl.Fechtmeister MR Dr. Albert Martincic abermals österreichische Sportgeschichte schreiben. Wiederum in Zusammenarbeit mit dem Rehabilitationszentrum Tobelbad ist 2002 der Rollstuhlfechtklub Graz gegründet und 2003 in den „Steirischen Versehrtensportverband“ aufgenommen worden. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn diese in Deutschland und Ungarn bereits sehr populäre Sportart auch in Österreich großen Zuspruch finden würde und so dem Sportangebot für behinderte Menschen ein weiterer Mosaikstein hinzugefügt werden könnte.
 
Im September 2003 ist der „Steirische Versehrtensportverband“ in den „Steirischen Behindertensportverband“ umbenannt worden. Damit ist die Entwicklung vom Versehrtensportverband zum „Dachverband“ für den Behindertensport in der Steiermark abgeschlossen. Die Bezeichnung drückt jetzt das aus, was wir sind: der Sportverband für alle steirischen Sportlerinnen und Sportler mit einer oder mehreren Behinderungen.
 
Anlässlich der 50-Jahr-Feier des organisierten Behindertensportes in der Steiermark am 2.10.2004 hat der „Steirische Behindertensportverband“ im Landessportzentrum ein eigenes rollstuhlgerechtes Sekretariat erhalten. Dank der Unterstützung des Landes Steiermark, der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt und der Stadt Graz konnte auch dieser Meilenstein zur weiteren Verbesserung der Betreuung unserer Mitglieder verwirklicht werden.
 
Mehr als vier Jahrzehnte nach Manette Berger-Waldenegg bekam im April 2006 mit Günther Unger wieder ein steirischer Rollstuhlsportler (Tischtennis) in der neu geschaffenen Kategorie „Steirischer Behindertensportler des Jahres 2005“ einen bronzenen Diskuswerfer überreicht.
 
Graz, im Mai 2006
Herbert Rohrer